Matthias stellt Oliver Domröse zehn Fragen

Zehn Fragen an… Oliver Domröse

In Interviews by Matthias A. ExlLeave a Comment

Diesmal habe ich den Autor und Blogger Oliver Domröse von Simplyfeelit.de interviewt. Oliver ist Freigeist und lebenshungriger Blogger - mit einer besonderen Eigenschaft: er ist hochsensibel.

Simplyfeelit.de ist ein Gesundheits- und Persönlichkeitsblog für all jene, die eine erhöhte Empfindsamkeit haben und lernen möchten, mit dieser speziellen Veranlagung besser zu leben. Oliver hat außerdem ein Buch geschrieben mit dem Titel: Der sanfte Krieger: Ein Mutgeber für hochsensible Männer. Doch nun zu den Fragen, die ich Oliver gestellt habe:

1.) Wovor hast du in deinem Leben am meisten Angst?

Nicht richtig gelebt zu haben! Anders ausgedrückt: Aus Angst vor Unsicherheit oder Ungewissheit nicht das zu leben, was ich wirklich, wirklich will – was tief aus meinem innersten kommt und in die Welt getragen werden möchte. Mein Beitrag für die Gemeinschaft, für die Evolution. Mag sich gerade vielleicht etwas abgehoben anhören, ist es aber nicht. Zu viele Jahre war ich in Abhängigkeiten und Konventionen gefangen, in gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen und Ansprüchen. Zu oft habe ich die armen „Lemminge“um mich herum gesehen, die jeden Tag aufs Neue sich in unglücklichen Jobs und Beziehungen herumquälen. Schon sehr früh habe ich mich gefragt: Warum das alles? Wofür ist das Leben da? Um einen Lebensentwurf zu leben, der mich zutiefst unglücklich macht, aber so von meinem Umfeld erwartet wird? Weil es halt so ist, es jeder so macht?
Ich sah darin keinen Sinn. Ich habe mir schon als Jugendlicher existenzielle Fragen über das Leben gestellt. Und stand damit zunächst einmal sehr lange Zeit alleine und desillusioniert da. Kein Erwachsener aus meinem Umfeld konnte mir darauf eine adäquate Antwort geben. Stattdessen bekam ich oft gesagt, dass ich mir nicht „zu viele Gedanken“ über das Leben machen sollte. „Lerne einen anständigen Beruf und sehe zu, dass du bis zur Rente einen sicheren Arbeitsplatz findest, dann hast du ein angenehmes Leben.“ Ich konnte das nicht verstehen, warum ich nur des Geldes wegen in einem langweiligen, trostlosen und oftmals frustrierenden Job fünfundvierzig Jahre ausharren sollte. Durch diese Fragen und auch Zweifel an „allem Normalen“ war meine Außenseiterrolle früh festgelegt.
Doch als junger Mensch war das nicht einfach, so alleine und orientierungslos dazustehen. Es gab jahrelang niemanden in meinem Umfeld, der mich nur annähernd verstanden hat. Und das löst natürlich Ängste aus. Wir sind als Menschen soziale Wesen und brauchen Zugehörigkeit. Wenn diese nicht wirklich da ist, entstehen Ängste und große Lebenszweifel, ja, ich sage es hier frei raus, auch Zweifel am eigenen Wert und Dasein. Erst nach und nach fand ich Antworten in den Büchern von anderen Querdenkern und Non-Konformisten, zum Beispiel in den Werken von Hermann Hesse. Diese Autoren und Schriftsteller waren meine Brüder im Geiste. Allmählich konnte ich erkennen, dass ich mit meinen Fragen und Zweifeln an allem Konventionellen nicht alleine war. Es gab andere, andere Rebellen und Lebenshungrige. Andere, die das ganze Leben auskosten wollten, ja, die ebenfalls die tiefe Kostbarkeit eines menschlichen Lebens erkannt haben – und es mit allen Sinnen, ganz und gar, schmecken wollten.
So würde ich heute sagen: Endlich, endlich, nach über 20 Jahren des Suchens, habe ich durch mein Schreiben und Bloggen meinen Beitrag für die Gemeinschaft gefunden. Das gefunden, was aus meiner tiefsten Quelle heraussprudelt. Das gefunden, was mich innerlich erfüllt. Und das fühlt sich gerade saugut an, verleiht meinem Leben seit gut einem Jahr einen ganz neuen Sinn, eine ganz neue Richtung. Und trotzdem, wenn du mich gerade erneut fragen würdest, wovor ich am meisten Angst hätte, würde ich erneut antworten: Bis zu meinem letzten Atemzug nicht wirklich, wirklich gelebt zu haben! Ich glaube, diese Angst ist gleichzeitig meine größte Triebfeder, aus meinem Leben etwas zu machen.

2.) Was ist Glück für dich? Bist du glücklich?

Ob ich glücklich bin? Nee, ich bin sogar sehr oft unglücklich! Doch versuche ich mich an den Ausspruch meines Zen-Meisters in Japan zu halten, der in einem Interview auf die Frage "Gibt es noch unzufriedene Momente in ihrem Leben?" antwortete: „Ja, ich bin ständig unzufrieden. Aber ich bin nicht mehr unzufrieden mit meiner Unzufriedenheit, d.h. ich bin mit meiner Unzufriedenheit glücklich.“
Meiner Meinung nach wird der Begriff Glück in unserer heutigen Spaßgesellschaft zu inflationär gebraucht. Es gibt ganze Bücherregale voller Glücksratgeber (von denen ich in den Jahren einige gelesen habe). Ich meine, über welches Glück reden wir denn hier? Für mich gibt es verschieden Arten von Glück. Bin ich glücklich, wenn ich in der Garage einen Porsche 911 stehen habe? Oder ein Monatseinkommen von 20.000 €? Oder in einer Villa lebe? Bin ich glücklich, wenn ich nicht mehr arbeiten brauche und großspurig meine Millionen an der Cote d'Azur ausgeben kann?
Für mich persönlich sind das keine erstrebenswerte Arten oder Formen von Glück. Klar, keine Frage, wenn ich monatlich soviel Geld hätte, dass ich mir über mein Auskommen keine Gedanken mehr machen bräuchte, stellt sich schon eine große Erleichterung oder auch ein Gefühl von Glück ein. Der Existenzdruck fällt weg. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Untersuchungen, in denen gezeigt wurde, dass viele Millionäre depressiv oder vereinsamt sind. Vieles wird uns von unserem Umfeld vor suggeriert (Werbung etc.), zum Beispiel dass ich mich als Konsument noch glücklicher fühle, wenn ich diesen neuen, hypermodernen Fernseher besitze. Werbung in einem kapitalistischen System ist dazu da, unerfüllte Bedürfnisse zu wecken, von denen der Konsument bis vor wenigen Minuten noch nichts wusste. Um dann nach dem Werbetrailer (falls er gut war) zu sagen: „Ja, das brauche ich, um mich noch besser zu fühlen.“ Das ganze läuft oftmals eher subtil und unterschwellig ab, d.h. die meisten sind sich darüber nicht bewusst, weil es psychologisch sehr geschickt gemacht ist.
Das ist nicht meine Form von Glück, und ich behaupte sogar, dass viele diesem Irrtum erliegen. Der Irrtum in unserer heutigen Konsum- und Spaßgesellschaft liegt darin, zu glauben, Glück könnte man herstellen, oder irgendwie machen, wenn ich mir zum Beispiel diesen super tollen neuen Flat-Screen kaufe, den es gerade so günstig im Angebot gibt. Doch wie lange hält dieses Glück nach dem Kauf an? Einen Tag, eine Woche, einen Monat? Bald darauf muss es einen neuen (Kauf)Anreiz geben, um mich wieder für einige Zeit glücklich zu fühlen. So dreht sich das Rad immer weiter.
Um auf die Frage zurückzukommen, was für mich Glück bedeutet. Es ist nicht so, dass ich bis vor einigen Jahren ähnlich Vorstellungen von Glück hatte (in Bezug auf mehr Haben wollen). Doch während meiner dreijährigen Auszeit hat sich ein innerer Wandel vollzogen. Auf meinem Reiserad, nur mit dem Wenigsten ausgestattet und einer sehr schmalen Reisekasse, konnte ich nach einiger Zeit feststellen, dass ich mit diesem wenigem viel glücklicher bin – glücklicher als mit all dem materiellen Kram der Jahre zuvor. Nachdem ich einige Wochen unterwegs war, stellte sich in mir eine innere Ruhe ein, die ständige Hast nach Status, Erfolg und höherem Einkommen fiel allmählich von mir ab. Ich kam mehr in den Moment, ich gab mich mit dem Zufrieden, was ich gerade hatte, oder sich mir anbot: ein atemberaubender Sonnenuntergang, Wolkenauflockerung nach Dauerregen, eine warme Dusche am Abend. Das ist meine tiefste Erkenntnis aus dieser Reisezeit: Ich bin mit den vielen kleinen Dingen des Alltags viel glücklicher als mit den Großen. Wenn ich mich ganz auf den Augenblick einlasse, ohne meinem Bewertungsfilter von angenehm oder unangenehm, jenseits von meinen Vorstellungen und Erwartungen, dann spüre ich so etwas wie Glück. Natürlich hat sich das nach meiner Rückkehr in einen „geordneten Alltag“ wieder etwas abgeschliffen, aber die grundsätzliche Haltung ist geblieben: Die kleinen und oftmals kostenlosen Dingen im Alltag machen mich glücklich – und wenn ich mich ganz auf den Augenblick einlassen kann, egal wie er sich darstellt.

3.) Was ist dein bisher noch unerfüllter, größter Wunsch?

Hmm, schwierige Frage. Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch keine großen Gedanken gemacht. Wie weiter oben erwähnt, erfüllt es mich gerade sehr, dass ich meine Berufung als Autor und Blogger leben kann. Und sonst? Große materielle Wünsche habe ich nicht. Was mir aber gerade einfällt, ist das Reisen und die damit verbundene Freiheit. Insofern ist es einer meiner größten Wünsche, unsere wunderbare Welt weiter zu entdecken, in andere Länder und Kulturen einzutauchen und mich dabei weiter besser kennenzulernen. Australien, Alaska und Schweden stehen ganz oben auf meiner (Reise)Wunschliste. In Verbindung mit der erwähnten Freiheit ist es mein Wunsch und mein Ziel irgendwann die Wahl zu haben, nur noch das zu tun, was mir Freude bereitet. Frei entscheiden zu können, ob ich heute Morgen aufstehe und mich an den Laptop setze oder den ganzen Tag am Strand liege und lese. Abgesehen davon, ist es mein größter Wunsch, noch lange gesund zu bleiben und erfüllte zwischenmenschliche Beziehungen zu führen. Und andere durch meine Arbeit zu inspirieren, ihnen etwas mitzugeben.

4.) Am Ende des Jakobswegs am Kap Finisterre findet man am Weststrand nicht nur meditierende Pilger, sondern auch Menschen, die sich alkoholisiert und berauscht über die Ungerechtigkeit der Welt beklagen. Gerade auf dem Gebiet der Selbstfindung bedeutet "Aussteigen" oftmals nicht mehr für den Erhalt der Gesellschaft beitragen zu wollen, gleichzeitig aber die Vorzüge zu genießen. Wie bekommst du Gelderwerb, den Drang nach Freiheit und systemkritisches Denken unter einen Hut?

Eine sehr gute Frage, über die ich mir selbst schon oft Gedanken machte! By the way: Wer sagt denn, dass ich nicht zu diesen alkoholisierten und berauschten Sinnsuchern am Kap gehörte?! Spaß beiseite. Ich bin oft den von dir skizzierten Leuten in meinem Leben begegnet, insbesondere auf meinen Reisen. Das hat mir gezeigt, dass ich diesen Anteil auch in mir trage, dieses Aussteiger-Gen und den Gedanken, der Gesellschaft komplett den Rücken zuzukehren. Gerade in den Jahren 2011 und 2012 stand ich diesbezüglich arg auf der Kippe. Mein Erspartes war aufgebraucht, ich musste mir Gedanken machen, wie es weitergeht. In mir öffnete sich eine riesige Kluft: Wollte ich nach all den Erfahrungen während meiner Auszeit wieder zurück ins „System“? Konnte ich mich überhaupt noch anpassen, Kompromisse eingehen, was unweigerlich notwendig ist, wenn man wieder einen Job bekommen und am sozialen Leben teilhaben möchte?
Diese Zeit war sehr schwierig für mich, insbesondere psychisch. Ich litt an kompletter Orientierungslosigkeit. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre einer dieser Komplett-Verweigerer geworden, mit Rad und Zelt durch die Welt und von der Hand in den Mund leben (was oftmals bedeutet, zu schnorren oder zu betteln). Während meiner Rückreise von Griechenland im Frühjahr 2012 traf ich solch einen Komplett-Aussteiger: kein Wohnsitz, kein Geld, keine Perspektive. Ein Deutscher, der mit seinem runtergekommenen Mountainbike gerade von seiner „Überwinterungszeit“ im Süden zurückkam. „Schau dich um, alles kaputt hier, überall Zäune, unser krankes System. Die Mutter Erde kennt keine Zäune. Ich stelle mein Zelt auf, wo ich möchte, und bin frei.“ Das Gespräch mit diesem halbverwahrlosten Mann öffnete mir die Augen. Wollte ich in dieser „Freiheit“ leben? Jeden Tag die Hand in Läden aufzuhalten, um etwas zum Beißen zu haben? Mich nur im Negativen, Jammern und Alkohol zu verlieren, um nicht an die eigenen Probleme, an die eigene Verantwortung erinnert zu werden?

Insofern, ja: Mittlerweile sehe ich ebenfalls einige Selbstfindungstrips kritisch, insbesondere auch in der spirituellen Szene. Nach meiner Rückkehr stand für mich fest, dass ich nicht im Wald leben wollte. Das hieß dann unweigerlich, ich werde wieder einen Job finden müssen. Aufgrund meiner langen Auszeit und da ich sowieso nicht mehr in ein Büro zurückwollte, waren diese Jobs vor allem im Niedriglohnsektor angesiedelt. Typische Helfer- und Knochenjobs im Dienstleistungs- und Gastronomiesektor, die eigentlich keiner machen will. Gleichzeitig wollte ich meinen Werten und meinem erweiterten Horizont treu bleiben. Keine leichte Aufgabe, wie erwähnt, ein Spagat, der mich psychisch sehr anspannte und mich fast zerrissen hat. Wie ich das heute alles unter einen Hut bringe? Naja, indem ich Eigenverantwortung übernehme und notwendige Kompromisse eingehe. Das heißt, für den Gelderwerb übe ich einen Nebenjob aus, solange, bis sich die Einnahmen aus meinem Schreiben immer mehr stabilisieren. Meinen Drang nach Freiheit kann ich als Selbstständiger ganz gut ausleben und mir meinen Tagesablauf weitestgehend selbst einteilen, mir Auszeiten einplanen (auch wenn diese gerade etwas zu kurz kommen). Und für mein systemkritisches Denken sind meine Texte und Blogartikel da, wie z.B. gerade dieser hier. Aus meiner Sicht trage ich damit zum Erhalt oder auch Wachstum der Gesellschaft (oder meiner Leser) bei, weil ich meine Erfahrungen weitergebe und durchaus auch ein politischer Mensch bin. Die Spannung (der Spagat) ist schon noch da, aber ich kann feststellen, dass sie weniger wird, alleine schon deshalb, weil ich jetzt eine Richtung für mein (Berufs-)Leben habe.

5.) Der Zen Meister Sengcan sagte einst: „Wenn unser Geist die Ruhe findet, verschwindet er von selbst.“ Wie geht es dir als Zen Nomade am Weg zur Ruhe, wenn Hypersensibilität an sich eine Fülle von Sinneseindrücken beschert?

Eine interessante Frage und auf dem ersten Blick mag das tatsächlich schwierig sein. Zunächst einmal ist es hierbei wichtig, genau den Begriff Hypersensibilität (ich bevorzuge Hochsensibilität) zu definieren. Hierzu gibt es nämlich gewaltige Unterschiede! Hochsensibilität ist bei jedem „Betroffenen“ anders ausgeprägt. Und es ist bei weitem nicht so, dass Hochsensibilität sich nur auf die Sinneseindrücke bezieht. Es geht um eine erhöhte Wahrnehmung von Eindrücken, ein ausgeprägteres Nervensystem, das mehr Umgebungsreize zu verarbeiten hat, als der Durchschnitt – das schon, ja. Aber: Hochsensibilität kann sich auch auf einer emotionalen und auch rationalen Ebene wiederfinden. Es gibt HSP (Hochsensible Person), die sehr stark auf Gerüche, Geräusche oder visuelle Reize reagieren, und dadurch schnell überreizt sind. Es gibt aber auch HSP, die viel stärker auf Stimmungen, zwischenmenschliche Nuancen und Gefühle reagieren. Zu letzterem zähle ich mich mehr. Klar, jeder Reiz ruft ein gewisses Gefühl hervor, insofern gibt es Schnittmengen zwischen einer hohen Sensitivität (im Sinne von Sinneseindrücken) und einer hohen Sensibilität (im Sinne von Werten und Empathie). Und nun kommen wir zum Zen. Wenn wir das eben Gesagte als Grundlage nehmen, liegt es auf der Hand, dass Zen auf unser überreiztes Nervensystem ein sehr beruhigende Wirkung haben kann. Im Zen geht es um Nichts! Es geht darum, sich einfach nur auf ein Sitzkissen mit gekreuzten Beinen zu setzen und die Klappe zu halten. Natürlich ist es nicht ganz so einfach. Das ständige Geplapper im Hirn (im Zen spricht man von den tausend Affen im Kopf) geht unaufhörlich weiter. Gerade zu Beginn der Praxis kann einen das schier wahnsinnig machen, weil die innere Unruhe mitunter unerträglich scheint. Ständig muss man dem Impuls widerstehen, einfach aufzuspringen aus der starren Haltung. So erging es mir in den ersten Jahren. Es hat mich einige Zeit gekostet, bis ich verstanden habe, dass es nicht darum geht, auf dem Sitzkissen das ständige Kreisen abzuschalten – ja, dass dies ganz und gar unmöglich ist. Es geht wohl mehr darum, dass ständige Gedankenkreisen einfach sein zu lassen, es kreisen zu lassen, und sich solange auf den Körper und die Atmung zu konzentrieren. Es ist von wenig Erfolg gekrönt, einen Affen auf seinem Baum einfangen zu wollen, ständig wird er dir kreischend wegspringen. Wenn du aber ganz ruhig wirst, einfach nur dasitzt und beobachtest, setzt sich irgendwann der Affe von ganz alleine auf einen Ast und wird ruhig. Genau diese Analogie hat mich an dem geheimnisvollen Zen von Beginn an fasziniert, weil meine Affen sehr oft am toben sind. Es ist nicht so, dass sie heute nur noch ruhig auf den Ästen sitzen (um in den Bild zu bleiben), aber nach zehn Jahren Praxis werden die Momente der Stille häufiger. Es ist ein ständiges üben! Gerade auch deshalb möchte ich meine tägliche Zen-Meditation nicht mehr missen – gerade als Hochsensibler!

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6.) Hast du gelernt, einfach nur zu sitzen?

Das schließt unmittelbar an die vorherige Frage an. Als ich vor rund 11 Jahren das erste Mal 35 Minuten regungslos auf einem Sitzkissen saß, war es die reinste Hölle für mich. Jede Minute wollte ich aufspringen und wegrennen, meine Affenbande war am toben und kreischen in meinem Kopf. Die Knie schmerzten, irgendwann auch der Rücken, und ständig fragte mich mein innerer Kritiker, was ich denn hier eigentlich für einen Blödsinn mache. Insofern ist dieses „einfache sitzen“ fast ein Koan (unverständliche Anekdote im Zen) oder Paradoxon: auf einer gewissen Ebene benötigt es eine immense persönliche Kraftanstrengung, um „dran“ zu bleiben, eine gewisse Beharrlichkeit an den Tag zu legen. Dieser innere Ruf hat mich 2010 auch für 10 Tage in ein japanisches Zen-Kloster geführt. Auf einer tieferen Ebene ist es einfach nur sitzen, ohne jegliche Anstrengung des Ichs oder des Willens. Irgendein innerer Anteil hat mich seit 11 Jahren dran bleiben lassen, und ich könnte heute noch nicht mal genau sagen, was sich seitdem geändert hat. Außer das ich nun im Halblotus 30 Minuten schmerzfrei sitzen kann. Ich weiß noch nicht mal, ob ich ruhiger geworden bin (frag dazu bitte mein Umfeld), geschweige denn so etwas wie Erleuchtungserlebnisse hatte (frag dazu bitte meinen Zen-Meister). Ich sitze einfach jeden Morgen, einfach so, ohne große Erwartungen, stehe vom Kissen auf und verrichte meinen Alltag. Der deutsche Zen-Meister Ludger Tenryu Tenbreul sagte dazu einmal sinngemäß: „Der Punkt der Wandlung liegt dort, wo persönliche Anstrengung natürliche Aktivität des Selbst wird. Einerseits geht das Ich bis an eine gewisse Grenze, aber dann gibt es eine Umwandlung.“

7.) Mit wem würdest du gerne ein Abendessen verbringen, den du bisher noch nicht getroffen hast?

Mit der Moderation und Autorin Kathrin Bauerfeind. Ich finde die Frau faszinierend und attraktiv. In den letzten Monaten habe ich mir einige Youtube-Videos von ihr angeschaut, von ihren Sendungen. Es ist noch nicht mal die körperliche Attraktivität (die sie sicherlich auch hat), vielmehr zieht mich ihr Charisma und ihre Intelligenz an. Und das alleine nur durch einen virtuellen Eindruck. Ich finde sie interessant und würde mich gerne mit ihr austauschen. Sie schreibt ebenfalls und kennt sich ganz gut mit Blogs aus. Ich spüre als HSP alleine schon über den Bildschirm, dass es in ihr viel Tiefgang und Sinnfragen gibt. Darüber würde ich gerne mit ihr reden. Jedenfalls entsteht bei mir ein Interesse an einem Menschen eher an seiner inneren Ausstrahlung, an seinen Augen und seinen Worten, als durch sein Aussehen und aufgesetzte Fassaden. Kathrin Bauerfeind verkörpert für mich solch einen authentischen Menschen. Nebenbei hat sie am gleichen Tag Geburtstag wie ich und einen ebenso ungewöhnlichen Nachnamen (auf den angeblich der deutsche Finanzminister Schäuble vor einem Interview mit den Worten reagiert haben soll: „Was ist das denn für ein Scheißname!“).

8.) Wie geht es dir, wenn du kritisiert wirst? Wie gehst du mit Kritik um?

Tja, gerade gestern Abend habe ich dazu einen Kommentar auf Facebook verfasst und einem anderen Blogger genau diese Frage gestellt. Kritikfähigkeit ist so ein Thema. Vor einigen Jahren reagierte ich noch ziemlich harsch auf Kritik, nahm sie schnell persönlich und fühlte mich angegriffen. Es ist heute nicht so, dass ich davon völlig befreit wäre – leider nicht. Aber ich übe mich immer mehr darin. Schaue mir genau an, von wem die Kritik kommt, aus welcher Ecke, welches Motiv dahinter steckt. Und versuche bei einer konstruktiven Kritik für mich etwas mitzunehmen. Das gelingt mir nicht immer, es passiert immer wieder mal, dass mich ein Kommentar auf meinem Blog oder meiner Facebook-Seite richtig ärgert, ich mich genötigt fühle, mich zu rechtfertigen und zu erklären – obwohl ich das eigentlich gar nicht mehr machen möchte. Auch hier (wie beim Zen): eine ständige Übung. Grundsätzlich halte ich eine gewisse Kritikfähigkeit bei mir und in unserer Gesellschaft aber für immens wichtig, weil das Leben ansonsten ziemlich anstrengend und einsam werden kann. Und wir zum anderen genügend Beispiele von öffentlichen Personen haben, ob aus dem Show-Biz oder der Politik, die in keinster Weise kritikfähig sind. Selbstdarstellung und Egozentrik haben aus meiner Sicht in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft stark zugenommen.

9.) Sind Dramaqueens hochsensibel? Sind hochsensible Menschen Dramaqueens?

Gegenfrage: Was ist eine Dramaqueen? Wenn du damit Menschen meinst, die andere gerne in ihre eigenen (emotionalen) Dramen verstricken, um sich anschließend darin zu suhlen, dann würde ich ganz eindeutig sagen: Nein, diese Menschen sind nicht hochsensibel – eher psychisch instabil. Das mag sich jetzt etwas pauschal und harsch anhören. Aber das meine ich wirklich so. In den gut zwei Jahren, seit der Entdeckung und Auseinandersetzung mit meiner Hochsensibilität, habe ich so einige (auch selbsternannte) Hochsensible kennengelernt. Ich bin in diesem Punkt mittlerweile ziemlich direkt und schonungslos. Hochsensibilität ist ein Charakterzug, ein Persönlichkeitsanteil, sicherlich ein wesentlicher, aber eben nicht alles. Mir kommt es manchmal so vor, als ob es Hochsensible gibt, die das „Etikett“ Hochsensibilität zum kaschieren von tieferliegenden Problemen verwenden. Die Veranlagung Hochsensibilität mit all ihren Licht- und Schattenseiten ist das eine – eine ausgeprägte Persönlichkeitsstörung (wie z.B. Borderline, Narzissmus) das andere! Es ist heute keine Schande mehr, sich in solch einem Fall professionelle Unterstützung zu holen. Im Gegenteil: Es spricht aus meiner Sicht für Charakterstärke und Eigenverantwortung. Des Weiteren plädiere ich dafür (und tue das auch immer wieder in meinen Blogartikeln), hier sehr ehrlich mit sich selbst zu sein und genau hinzuschauen.

10.) Was glaubst du, ist aus der Sicht der Selbstfindung dein größter wunder Punkt? Was ist zurzeit dein „Arbeitsthema“ am Weg zur Selbsterkenntnis?

Eine sehr persönliche und tiefgehende Frage, über die ich zunächst einmal eine zeitlang nachdenken musste. Ich würde sagen, seit 2009 befinde ich mich intensiv auf meinen Weg zu mir Selbst. In diesem Jahr schmiss ich alles hin und trat meine berufliche Auszeit an. Ich drückte quasi auf den „Reset-Knopf“. Seitdem ging es verstärkt darum, meine Berufung, meinen Sinn, meine Aufgabe, meine Vision zu finden, eben das, was aus mir kommt, was mir Freude bereitet und im besten Falle noch einigen anderen Menschen. Ich glaube, seit dem Start meines Blogs im April 2015 habe ich das gefunden und kann es nun endlich leben. Und heute? Nun, in meiner jetzigen Lebensphase geht es verstärkt darum, mich zu fokussieren. Mich mehr auf das zu konzentrieren, was mir am Herzen liegt, zum Beispiel mein Schreiben. Und deswegen keine falschen Kompromisse mehr einzugehen, das meine ich auch insbesondere in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen – ja auch gegenüber Frauen. Also genau das Thema meines Buches Der sanfte Krieger: mehr zu mir, meiner männlichen Kraft und meiner Vision zu stehen. Präsenz, Rückgrat, Wille – und immer wieder mal ein Nein aussprechen, wenn es sich danach anfühlt. Auch wenn ich im ersten Moment davor Angst habe. Unabhängiger zu werden und gleichzeitig nicht als eigenbrötlerischer Schreiberling zu enden. Das Herz geöffnet zu lassen. Nicht immer einfach, doch genau das würde ich gerade als mein größtes „Arbeitsthema“ ansehen: zu erkennen, dass ich nicht die Anerkennung von außen (von Frauen) benötige, sondern dass diese in mir vorhanden ist – und nur darauf wartet, von mir gelebt zu werden - als mein ganzes Potenzial. Also genau das, was in meinem Buch steht und ich meinen Lesern empfehle. Daran mag man erkennen, dass ich selbst auf dem Weg bin (und immer sein werde), und versuche nur das weiterzugeben, was ich selbst erkannt habe oder immer noch am erkennen bin. Genau das macht für mich Authentizität aus. Diese Authentizität ist mein Anspruch für all meine Arbeiten.

Simplyfeelit findet ihr im Netz unter www.simplyfeelit.de. Neuigkeiten von Oliver findet ihr auch auf Facebook, Twitter und Google+. Sein Buch findet ihr hier: "Der sanfte Krieger: Ein Mutgeber für hochsensible Männer".

Ich bedanke mich bei Oliver Domröse für das inspirierende Interview. Wenn du Fragen dazu hast, verwende einfach die Kommentierfunktion am Ende des Beitrages.

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Graphische Unterschrift von Matthias Exl

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Matthias A. Exl, MBA arbeitete viele Jahre erfolgreich im Ausland in leitenden Positionen internationaler Konzerne. Es folgte eine Phase der Neuorientierung, in der sich Matthias die Frage stellte, ob Geld, Status und Macht tatsächlich glücklich machen können. Im Streben nach Werten und Sinn verlagerte Matthias seine Tätigkeit in den NPO Bereich. Matthias ist Initiator des erfolgreichen Zauberwald Projekts und publizierter Autor (vgl. „Befreie dich selbst! Über die Kunst wahrhaftig zu leben“, 2008). Außerdem arbeitet Matthias als Spezialist für digitales Marketing, freier Journalist, bloggt auf https://befreie-dich-selbst.com über philosophische Themen und ist Gründer von Two Wings und Digicube.

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